Tantrische Philosophie

Der Tantrismus ist keine Religion mit dogmatischen Vorstellungen, sondern eine gelebte Philosophie, die alle Bereiche des Lebens zutiefst bejaht und alle einengenden gesellschaftlichen Strukturen sprengt, um den Menschen in Einklang mit dem großen Ganzen zu bringen, sodass er die Liebe und die Kraft des Kosmos, die universale Einheit in sich erfahren kann.
Ursprung des Tantra
Das Wort Tantra stammt aus dem Sanskrit.Seine Wurzel tan bedeutet soviel wie "ausdehnen", "Fäden" oder "Gewebe". Gemeint ist damit ein großes kosmisches Gewebe, mit dem wir alle verbunden sin..Tantra vereinigt Gegensätze. Alles hat zwei Seiten und nur wenn wir beide unvoreingenommen wahrnehmen können, beginnen wir die dahinterliegende Wahrheit zu verstehen. So sind wir im Leben mit Situationen und Gefühlen konfrontiert, die uns angenehm bzw. unangenehm erscheinen, doch jede Seite will gefühlt und vollkommen angenommen und durchlebt werden, damit sie transformiert werden und die Essenz zu Tage treten kann.
In der Schöpfungsgeschichte des Tantra spielen die beiden Pole Shiva als das göttliche männliche Prinzip und Shakti als das göttliche weibliche Prinzip eine zentrale Rolle. Während Shakti die Liebe und das unendliche Mitgefühl repräsentiert, steht Shiva für Eros und Geist. Shiva und Shakti werden dabei nicht als märchenhafte Gottheiten betrachtet, sondern als Metapher für die Polarität des Lebens. Diese bildet in ihrem Spannungsverhältnis das kosmische Gewebe, die Schöpfung selbst.

Zu Beginn des Schöpfungsaktes gibt es nichts als das reine, formlose Sein. Shiva und Shakti sind in Einheit. Dieses reine formlose Sein ist hochfrequente, göttliche Energie, Bewusstsein, Licht und Liebe pur. Die grösste Erfüllung liegt im tantrischen Sinne darin, diese Liebe und dieses Licht zu erfahren. Denn das alleinige Wissen um die Liebe schenkt uns keine Erfüllung. Um Liebe und Einheit zu erfahren, ist es jedoch nötig, dass sichShiva und Shakti als eigene, unabhängige Kraft wahrnehmen können. Aus der Sehnsucht heraus, das reine Sein zu manifestieren, entsteht der Wunsch, diese hochfrequente Energie zu verdichten und so in Form zu bringen, dass sie für uns Menschen erfahrbar wird. Deshalb beginnt die dynamische und schöpferische Kraft Shakti sich von Shiva abzuspalten, der als reines transzendiertes Bewusstsein unverändert bleibt. In der westlichen Entwicklungsgeschichte wird dieser Moment als Urknall bezeichnet. Dabei ergießt sich die göttliche hochfrequente Energie in ständig wandelnde materielle Formen und es beginnt ein nimmer enden wollender Prozess der Evolution.
In der tantrischen Vorstellung vollzieht sich dieser Prozess der energetischen Verdichtung, der Manifestation, in verschiedenen Stufen.In uns, in unserem Körper manifestiert sich diese Shakti-Kraft von oben nach unten:zuerst in den subtilsten Ebenen (siebtes und sechstes Chakra), dann geht es immer weiter durch die verschiedenen Elemente, Äther ( fünftes Chakra), Luft ( viertes Chakra), Feuer ( drittes Chakra), Wasser ( zweites Chakra) und zuletzt Erde ( erstes Chakra). Im Element Erde angelangt, entfaltet sich die Shakti-Kraft nicht mehr weiter. Der Schöpfungsprozess ist abgeschlossen. Dort am unteres Ende unserer Wirbelsäule, dargestellt als zusammengerollte Schlange, auch Kundalini genannt, ruht die Shakti-Kraft als latentes energetisches Potential in uns.
Zentrales Anliegen des Tantra
Ein zentrales Anliegen der Tantriker ist es, die Kundalini durch die verschiedensten Techniken zu wecken, damit sie über den Weg der einzelnen Chakren, die Wirbelsäule entlang, nach oben zum Sitz des Shiva aufsteigen kann. Die Kundalini bzw. Shakti-Kraft trägt nach der tantrischen Philosophie die Erinnerung an die Einheit mit Shiva, dem reinen Bewusstsein, in sich und drängt, bereichert und differenziert durch die Erfahrung der Dualität, wieder nach Verschmelzung und Vereinigung. Dieses Drängen findet sich in unserer Suche nach Spiritualität, in dem Wunsch glücklich und ganz zu sein, wieder.
Wenn durch Sexualität, durch eine Yoni- oder Lingam-Massage und/ oder durch verscheidene tantrische Techniken die Kundalini erweckt wird und diese durch die verschiedenen Leitkanäle entlang der Chakren nach oben zu Shiva aufsteigt, entsteht in uns ein veränderter Bewusstseinszustand.
Dieser führt zurück in die höchste Einheit, das Sein = Samadhi, jenseits jeglicher Polaritäten. In diesem Zustand wird der unendliche Tanz zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, zwischen Shiva und Shakti, getanzt. Wir alle entspringen aus dieser göttlichen Einheit und sind mit allem verbunden. Erde, Steine, Pflanzen und Menschen bilden im Zusammenspiel von Atomen, Molekülen und Zellen einen lebendigen Organismus. Alles ist verwandt miteinander, nichts existiert getrennt und isoliert, alles ist aufgehoben in diesem hochentwickelten Gewebe von Leben und Bewusstsein.
Tantra lädt uns ein, uns selbst als Shiva und Shakti wahrzunehmen, als Ausdruck göttlicher Schönheit und Liebe. Es ist nichts an uns, was nicht Teil dieser göttlichen Kraft ist. Davon ausgehend können wir die "hässlichen" und "dunklen" Seiten in uns mit ganz anderen Augen betrachten, denn in Wirklichkeit gibt es keine Dunkelheit.
Dunkelheit ist kein Zustand, sondern bedeutet im tantrischen Sinne Abwesenheit von Licht. Wenn wir Licht in die Dunkelheit bringen, dann verwandelt sich Hass in Liebe, Gier in Großzügigkeit, Ignoranz in Demut und Hässlichkeit in Schönheit. Der Weg des Tantra ist der Weg der Liebe und der Weg des Lichts. ( Michaela Riedl )
Nobelpreisträger Hermann Hesse ( 1877-1962)
Ziel eines sinnvollen Lebens ist, den Ruf der inneren Stimme zu hören und ihm möglichst zu folgen.
Der Weg wäre also: sich selbst erkennen !
